Freie Arbeit

"Die freie Wahl ist die höchste Tätigkeit: Nur das Kind, das weiß, was es benötigt, um sich zu üben und sein geistiges Leben zu entwickeln, kann wirklich frei auswählen."

Nirgendwo lassen sich die Prinzipien Maria Montessoris besser verwirklichen als in der Freien Arbeit. Mit den jahrgangsgemischten Lerngruppen hat sich die Bedeutung der Freien Arbeit noch erhöht. Gebundene Lerneinheiten finden zusätzlich je nach pädagogischer Notwendigkeit statt. Die Freie Arbeit stellt das Kernstück des Unterrichts dar. Die Schüler wählen nach eigener Entscheidung, womit sie arbeiten wollen. Sie bestimmen selbst Arbeitsrhythmus und Arbeitsdauer. Sie entscheiden, ob sie allein oder mit Partnern arbeiten wollen. Darüber hinaus können Arbeitspläne die Schüler dabei unterstützen, einen Schultag oder eine Schulwoche einzuteilen und wichtige Aufgaben einzuplanen.

Der Ablauf einer Freien Arbeit ist kaum steuerbar. Er variiert von Lerngruppe zu Lerngruppe, von Stufe zu Stufe und von Tag zu Tag. Die Vielfalt und Intensität der Beschäftigung ist immer wieder faszinierend. Ebenso die Erkenntnis, dass es Lernwege gibt, die wir Erwachsenen nicht als solche erkennen.

Voraussetzung für das Gelingen der Freien Arbeit neben der freien Wahl ist die "vorbereitete Umgebung". Die Umgebung soll so gestaltet sein, dass sie Neigungen des Kindes anspricht, herausfordert und weiterführende Lernprozesse bewirkt. Das Montessori-Material, eine angenehme Raumgestaltung, die Mitschüler und der Lehrer sind die Grundpfeiler dieser vorbereiteten Umgebung.

Das vom Maria Montessori entwickelte Material bildet die Standardausrüstung jeder Lerngruppe. Daneben werden auch andere Materialien verwendet, die zum Teil von Lehrern oder Schülern selbst hergestellt werden unter Beachtung der Prinzipien, die Maria Montessori forderte. Dieses Material soll einen Aufforderungscharakter ("Stimme der Dinge") haben und das Kind zu aktivem Umgang damit anregen. Es soll jeweils eine bestimmte Schwierigkeit isolieren und eine Fehlerkontrolle durch das Kind ermöglichen. Ein solches Material führt das Kind zu konzentrierter Arbeit ("Polarisation der Aufmerksamkeit") und hilft bei der Entwicklung seiner Selbstständigkeit.

Die Freie Arbeit fördert ein Arbeits-  und Sozialverhalten der Schüler, das eine besondere Art von Lehrerverhalten voraussetzt. Der Lehrer ist der lebendige Teil der vorbereiteten Umgebung, für die er selbst in höchstem Maße verantwortlich ist. Eine genaue Kenntnis des Montessori-Materials ist unabdingbar für den Montessori-Lehrer. Er ist weniger „lehrender Lehrer" als vielmehr Helfer und Beobachter, der sich in wissender Zurückhaltung übt und so dem Kind hilft, seine Freiheit und Selbstständigkeit zu erlangen. So findet in der Montessori-Schule, ganz besonders in der Freien Arbeit, eine radikale Verschiebung der Aktivität vom Lehrer zum Kind statt. Dazu gehört auch, dass die Schüler lernen, den Arbeitsprozess möglichst selbst zu planen, zu reflektieren und zu dokumentieren.

Die Freie Arbeit ist keine einfache Tätigkeit. Sie stellt hohe Anforderungen an das Kind. So fällt es vielen Kindern anfangs schwer, sich auf eine Arbeit einzulassen. Wenn das Kind sich über einen längeren Zeitraum hinweg selbst nicht für eine Arbeit entscheiden kann oder nur oberflächlichen Anregungen und Einfällen folgt, gilt es für den Lehrer, die richtige und schwierige Entscheidung zwischen Abwarten, Zulassen und Eingreifen zu treffen. Aus der unbedingten Achtung vor dem Kind, die Montessori "mit Verstand angewandte Liebe" nennt, entsteht eine Atmosphäre, in der Lernen Freude macht. Aus dieser Achtung heraus wächst auch das Vertrauen in die Fähigkeit des Kindes, seine eigene Persönlichkeit aufzubauen.

Ernsthaftigkeit, Konzentration, Anstrengungsbereitschaft und Ausdauer sind Grundvoraussetzungen für eine sinnvolle Tätigkeit in der Freien Arbeit. Vertrauen, Ehrlichkeit und Respekt sind notwendig, wenn es um die Reflexion und Kontrolle von Arbeit geht.

Das sind Fähigkeiten, die sich bei vielen Kindern erst entwickeln müssen. Manche Kinder haben deshalb Schwierigkeiten, mit der Freien Arbeit umzugehen; sie sind beispielsweise überfordert von der Fülle der Angebote und der Interaktionsmöglichkeiten. Es ist dann Aufgabe der Lehrer, den Kindern zu helfen, sich zu normalisieren.

Wie diese Hilfen konkret aussehen, ist individuell verschieden. Sie können darin bestehen, einem unruhigen Kind intensive Zuwendung zu geben, es in ein Material einzuführen, seinen Handlungsspielraum durch vorgeschriebene Arbeit zu begrenzen oder einen Abgabetermin für eine Arbeit zu setzen. So lernt es, seine Arbeit einzuteilen und zu bewältigen, damit es zur inneren Befriedigung kommt.Schulische Arbeit muss nicht in jedem Fall „Spaß“ machen. Manchmal beinhaltet Arbeit auch Überwindung, Anstrengung und Rückschritte. Die Kinder lernen allmählich, auch dieser Arbeit ihren Wert beizumessen.

Ein wichtiger Grundsatz ist, die Arbeit eines jeden Kindes vor Störungen zu schützen. Hierfür trägt auch jeder Schüler eine Mitverantwortung. Die Freiheit des einzelnen Kindes hört da auf, wo es die Freiheit des anderen beschneidet: "Soziale Disziplin äußert sich in zweifacher Weise: Als Achtung vor der Arbeit des anderen und als Rücksicht auf das Recht des anderen.

"Jede Schulstufe stellt neue Anforderungen. Beim Wechsel von einer Schulstufe zur nächsten finden die Schüler jedoch vertraute Materialien, Rituale und Prinzipien wieder. Dadurch wird der Einstieg in die neue Stufe erleichtert. Für einen reibungslosen Übergang finden unter abgebenden und aufnehmenden Lehrern Übergabegespräche statt.

 

 

„Hilf mir, es selbst zu tun.“

„Wir nehmen uns Zeit zum Lernen und Ausprobieren. Wir stehen füreinander ein, lernen individuell und miteinander auf verschiedenen Wegen in verschiedenen Situationen. Wir haben gemischte Jahrgangsgruppen, in denen die Jüngeren den Älteren und die Älteren den Jüngeren zeigen, was in ihnen steckt. Neugier und Freude an der Arbeit, Fantasie und Kreativität, aufeinander Zugehen und einander Zuhören sind für uns selbstverständlich.“
Dr. Matthias Schwaiger, Schulleiter